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Bücher beurteilen

Was macht ein gutes Bilderbuch aus? Der Vorlese-Test.

Ihr braucht keine Rezensionen, keine Preislisten und kein Studium der Kinderliteratur, um ein Bilderbuch zu beurteilen. Ihr braucht zwei Seiten, laut gelesen, und 90 Sekunden Ehrlichkeit.

Elternteil und Kind lesen gemeinsam ein Bilderbuch auf dem Sofa im warmen Abendlicht
Die einzige Testumgebung, die zählt: ein Sofa, ein Kind, eine Stimme. (Symbolbild)

Diese Situation kennt ihr: Ihr steht in der Buchhandlung und haltet ein Bilderbuch in der Hand, von dem ihr noch nie gehört habt. Das Cover ist bezaubernd. Der Klappentext verspricht eine „herzerwärmende Geschichte“. Der Aufkleber sagt, es habe irgendetwas gewonnen. Nichts davon hilft euch weiter, denn Cover gestalten Profis, Klappentexte schreibt der Verlag, und Aufkleber werden millionenfach gedruckt.

Es gibt genau eine verlässliche Methode, ein Bilderbuch zu beurteilen, und ihr könnt sie direkt im Laden anwenden.

Lest zwei Seiten. Laut. Halblaut reicht.

Ein Bilderbuch ist kein Text. Es ist ein Drehbuch. Es wird aufgeführt, von euch, irgendwo zwischen fünfzig und zweihundert Mal, meist am Ende eines Tages, an dem eure Reserven aufgebraucht sind. Ein Text, der nur beim stillen Lesen funktioniert, ist ein schlechtes Bilderbuch, ganz gleich, wie schön seine Botschaft ist.

Schlagt also eine Doppelseite irgendwo in der Mitte auf, nicht die sorgfältig polierte erste Seite, und lest sie euch halblaut vor. Neunzig Sekunden. Ihr achtet auf drei Dinge.

1. Hat die Sprache einen Puls?

Gute Bilderbuchprosa hat Rhythmus, auch wenn sie sich nicht reimt. Sätze atmen. Es gibt kurze. Und dann längere, die ein wenig Schwung holen, bevor sie landen. Wenn ihr auf zwei Seiten zweimal stolpert, liegt das nicht an euch. Es liegt am Text, und ihr werdet beim vierzigsten Gutenachtlesen an genau denselben Stellen stolpern.

Beim Reim ist besondere Vorsicht geboten: Ein schlechter Reim ist schlimmer als gar keiner. Wenn der Text die Wortstellung verrenkt, nur um den Reim zu treffen („sprach der Bär, ganz ohne Frage, auf der Treppe, ohne Klage“), stellt das Buch zurück. Vergleicht das mit Der Grüffelo, wo der Vers euch trägt, statt euch ein Bein zu stellen. Dieser Unterschied ist das ganze Handwerk.

Ein Bilderbuch ist ein Drehbuch für eine Aufführung mit einem sehr ehrlichen Kritiker im Publikum.

2. Wissen die Bilder etwas, das der Text nicht weiß?

In einem großartigen Bilderbuch sind die Illustrationen keine Dekoration. Sie erzählen auf einem zweiten Kanal mit. Der Text sagt „Mama war überhaupt nicht böse“, und das Bild zeigt eine verwüstete Küche und eine Mutter mit zuckendem Augenlid. Kinder lesen diese Lücke fließend, und genau dort wohnen die meisten Lacher.

Die Prüfung ist einfach: Schaut euch eine Doppelseite an und deckt den Text ab. Versteht ihr immer noch, was passiert, was die Figuren fühlen, vielleicht sogar, wo der Witz steckt? Wenn die Bilder nur wiederholen, was die Wörter schon gesagt haben, hat ein Kind beim fünften Lesen nichts mehr zu entdecken. Bücher wie Julian ist eine Meerjungfrau gehen hier am weitesten und erzählen fast alles über die Bilder, und genau deshalb versinken Kinder darin.

3. Überlebt ihr zwanzig Durchgänge?

Das ist das Kriterium, das Erwachsene im Laden vergessen und zu Hause wiederfinden. Kinder konsumieren Bücher nicht, sie wohnen in ihnen. Die Lieblingsbücher werden wochenlang jeden Abend verlangt. Ein Buch mit einem einzigen guten Witz ist nach zwei Durchgängen leer. Ein Buch mit Rhythmus, Bildwitzen und kleinen Details im Hintergrund gibt immer wieder etwas her.

Seid ehrlich mit euch selbst: Wenn euch der Text schon im Laden ein bisschen nervt, wird dieses Gefühl nicht besser. Es wächst, und eines Tages versteckt ihr das Buch hinter der Heizung, und euer Kind findet es, denn Kinder finden es immer.

Die 90-Sekunden-Checkliste

Im Laden, vor dem Kauf:

1. Eine Doppelseite in der Mitte aufschlagen, halblaut lesen. Zweimal gestolpert? Zurück ins Regal.
2. Den Text abdecken. Erzählen die Bilder noch eine Geschichte?
3. Durchgang Nummer zwanzig vorstellen. Lächeln oder Seufzen?
4. Bonus: Prüft, ob die Menschen darin so aussehen wie die Welt, in der euer Kind tatsächlich lebt.

Das ist die ganze Methode. Sie kostet nichts, funktioniert ohne Handy, und nach fünf, sechs Büchern wird euer Urteil schnell und erstaunlich treffsicher. Die Preis-Aufkleber dürfen ihre Meinung gern behalten.

Wenn ihr lieber mit Vorsprung startet: Unser Buchfinder stellt drei Fragen und schlägt Bücher vor, die diesen Test bei uns längst bestanden haben. Vorgelesen, jeweils einige Dutzend Mal, von Menschen, deren Abendenergie genauso begrenzt ist wie eure.

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